Kurze Übersicht der Ereignisse

Riesige Felsbrocken liegen im Wald verstreut, zwischen hageren Bäumen, als seien sie von einem Riesen auf den Hügel geworfen worden. Wir befinden uns unweit vom Ferienort Forìo entfernt, auf der von Touristen in Beschlag genommenen Insel Ischia, die von den Städten Neapel und Pozzuoli mit dem Schiff erreicht werden kann. Es ist Juli und Tausende von Italienern und Ausländern schwärmen zu den schönen Stränden, belagern Bars und Restaurants. Nur kleine, spärlich angebrachte grüne Schilder weisen auf Ort hin, wo sich seit mehr als zwanzig Jahren ein Phänomen abspielt, das so wenig in unsere geschäftige Zeit hineinzupassen scheint. Im Jahr 1994 suchten einige junge, in einer Gebetsgruppe engagierte Leute eben in diesem Wald einen stillen Ort, um ihren täglichen Rosenkranz zu beten. Sie hatten sich schon Jahren zusammengefunden, um in ihren Wohnungen zu beten. Vor rund einem Jahr war das Unwahrscheinliche geschehen, dass wenige von ihnen, während des Rosenkranzgebets, eine Gestalt sahen, die sich als Mutter Jesu zu erkennen gab.

Zurück zu den Geschehnissen des Jahrs 1994. Inzwischen hatte die Gebetsgruppe im Wald einen Ort erreicht, wo sie nicht mehr weiterkommen konnten. Nach Beginn des Rosenkranzes sah einer der Jungen auf einem der Felsbrocken die ihnen bekannte Gestalt. Sie teilte ihm  mit, dass dieser ein heiliger Ort sei und bat die Anwesenden sich in Zukunft hier zu treffen. So begann die Geschichte der „Madonna di Zaro“, auf dem Waldabschnitt gleichen Namens. Wie bei solchen Vorfällen üblich, verbreitete sich die Nachricht in Windeseile. Hunderte, später Tausende von Inselbewohnern kletterten zu den Felsbrocken hinauf, um das Phänomen selbst zu erleben. Später kamen Neugierige und Pilger aus ganz Italien dazu. Der Ortspfarrer, Don Franco, der die jungen Menschen als eifrige Kirchgänger und Beter kannte, beobachtete das Geschehen mit anfänglicher Skepsis. Auch der Ortsbischof war inzwischen informiert worden und beauftragte seinen Pfarrer, die Jungen mit der geforderten Sorgfalt zu begleiten. Don Franco weigerte sich den Ort zu betreten, an dem die ausserordentlichen Begegnungen stattfanden. In vielen Gesprächen mahnte er die jungen Leute zu geistlicher Vorsicht und prüfte die Botschaften, die von der Erscheinung übermittelt wurden, auf den theologischen Gehalt, wobei er sich die Freiheit nahm, die eine oder andere Wortwahl zu ändern.

Heute ist es um den Erscheinungsort von Zaro stiller geworden. Die besonderen Begegnungen finden jeweils am 8. und 26. des Monats statt. Anwesend sind heute Angela und Simona, die inzwischen Mütter von je drei Jungen geworden sind. Beide sind selbstbewusste Frauen, die in ihre Pfarrei eingebunden sind, täglich den Rosenkranz beten und mit dem Smartphone ebenso geschickt umzugehen wissen wie ihre gleichaltrigen Freundinnen und Freunde. Wer heute in den Wald von Zaro geht, findet dort eine wohltuende Stille. Ständig kommen Menschen dorthin, neugierige Touristen und Männer und Frauen die sich zum Gebet dort einfinden. Immer wieder bilden sich kleine Gebetsgruppen, die spontan den Rosenkranz beten. Andere knien vor dem Felsbrocken nieder, auf dem unsere Mutter des Herrn zwei Mal pro Monat erscheinen soll. Es herrscht eine wohltuende Ruhe, vom Zwitschern der Vögel unterbrochen. Ein leichter, kühler Wind streicht durch die Bäume. Emsige Hände arbeiten im Hintergrund, um diese Stätte würdig zu halten. Nirgends wird zu Spenden aufgerufen und in der ganzen Umgebung ist kein Devotionalienstand zu finden. Einzig ein Opferstock für den Kauf von Kerzen steht nahe einer grossen Marienstatue. Es ist kein Preis angegeben. Jeder spendet frei nach Wunsch und Bedürfnis. Auf den grossen Felsbrocken haben Freiwillige mit grossem Fleiss Blumenbeete angelegt, auf denen Hunderte von Blumen und Grünpflanzen blühen und täglich mit Wasser begossen werden. War es anfänglich noch schwierig den Felsen zu erreichen, haben die Freunde des Gebetsortes Wege und Treppen angelegt, damit jedermann den Gnadenort erreichen kann. Eine grosse Tafel, am Eingang der Anlage, erzählt etwas von der Geschichte des Ortes und weist auf die letzten Botschaften hin, welche die beiden jungen Frauen erhalten haben. Die Phänomene von Zaro stehen seit einiger Zeit unter dem wachen Auge der Kirchenleitung. Der zuständige Ortsbischof hat am 15. August 2014 eine kirchliche Kommission eingesetzt, welche die Vorkommnisse auf der Insel Ischia prüfen soll. Darin finden sich hochkarätige Theologen und Psychiater. Zudem steht den beiden Frauen ein Priester bei, der in besonderer Weise für diese Aufgabe qualifiziert ist. Don Ciro Vespoli gehörte bis zum Jahr 2005 selbst zum Kreis der Seher und spürte während dieser Zeit die Berufung zum Altardienst. Der damalige Ortsbischof nahm seinen Wunsch ernst, wies ihn ins Priesterseminar ein und weihte ihn zum Diakon und später zum Priester. Er ist seit seiner Weihe ausserhalb der Diözese aktiv und ist heute Vikar einer Gemeinde in einer Provinz südlich von Rom. Er steht der Gebetsgemeinde von Zaro und den beiden Frauen mit Rat und Tat zur Verfügung und ist zudem ein begnadeter Prediger, der mit jugendlichem Elan die Kirchgänger zum Leben des Evangeliums aufruft.

Auf der Website der Geschehnisse von Zaro stellt er jeweils die empfangenen Botschaften ins Netz. Sie werden von von Hunderten von Menschen in Italien und in vielen Teilen der Welt gelesen. Es sind Worte des Trostes, der Aufmunterung zum Gebet, aber auch mahnende Worte über den Glaubensabfall in dieser Welt und die möglichen, negativen Folgen für unsere Gesellschaft. Viele Botschaften haben einen bedrohlichen Ton, so wie eine besorgte Mutter ihre Söhne aufzurütteln versucht, den wahren Weg des Glaubens zu finden. Sie ähneln in ihrem Inhalt vielen Prophezeiungen der letzten Jahrhunderte, in aller Welt, die von der Kirche teilweise anerkannt wurden. Sie betreffen oft konkrete, bevorstehende Ereignisse, die später eingetroffen sind. Die wohl eindrücklichste Botschaft betraf die Voraussage des Einsturzes des World Trade Centers in New York, die den Sehern von Zaro vermittelt wurde, im Jahr 1995 als sie den Einsturz zweier Türme sahen. Eine Journalistin der auflagenstarken, italienischen Wochenzeitschrift EPOCA veröffentlichte am 8. Oktober 1995 diese Vision. Das Echo auf diese Publikation blieb verständlicherweise gering. Erst als am 11. September 2001 die Türme Ziel eines terroristischen Anschlags wurden, erinnerte man sich an die prophetischen Worte aus dem Wald von Zaro.

Es ist der 8. Juli 2016. Ein glühend heisser Sommertag geht zu Ende. Vor dem Torbogen von Mezzatorre versammelt sich eine Gruppe von Menschen jeden Alters. Kerzen werden verteilt. Aus einem Dutzend Teilnehmer werden bald mehr als hundert, die sich um 21.30h zu einer Prozession formieren. Den Rosenkranz betend, begibt sich die Gruppe in den Wald von Zaro, angeführt von Angela und Simona. Dieser Brauch geht auf eine frühere Botschaft der Erscheinung zurück, um welche die Erscheinung gebeten hatte. Anders als vielfach üblich in Italien, herrscht zwischen den Gebeten grosse Stille. Nach etwa zwanzig Minuten erreicht der Fackelzug den Ort der Erscheinung. Die Menschen nehmen auf den grob gezimmerten Sitzbänken Platz. Dann beginnt erneut das Rosenkranzgebet, angeleitet durch Angela und Simona, die vor einem Felsbrocken knien, in den fleissige Hände eine winzige Mariengrotte eingemeisselt hatten. Nach wenigen Minuten plötzliche Stille. Die beiden Frauen fixieren eine Stelle zwischen zwei Bäumen, die sich hinter dem Felsbrocken befinden. Die Augenlieder von Angela und Simona beginnen sich, in unnatürlicher Weise, auf und ab zu bewegen. Ihre Gesichter nehmen einen tranceähnlichen Zustand an. Eine geheimnisvolle Stille herrscht auf dem Platz. Das Rosenkranzgebet wird unterbrochen. Einige Teilnehmer zücken ihre Handykameras, um den Augenblick festzuhalten. Dieser Zustand dauert etwa vier Minuten. Dann fallen die beiden vornüber, aufgefangen von starken Männerarmen. Dann beginnt ein schlafähnlicher Zustand, der einige Minuten andauert, den die Fachleute als „Ruhen im Geist“ bezeichnen. Inzwischen wurde das Rosenkranzgebet wieder aufgenommen. Die Stimmung der Teilnehmer mag zwischen gläubigem Staunen und kritischer Verwunderung schwanken, doch jedermann scheint innerlich betroffen zu sein. Nach einiger Zeit erwachen die beiden Frauen wieder. Jemand reicht ihnen ihre Notizhefte und sie beginnen in grosser Eile die Botschaften zu notieren, die sie von der Erscheinung erhalten haben. Zwar geben sie an, dass sie beide die gleiche Erscheinung sehen. Die erhaltenen Botschaften sind aber für Angela und Simona unterschiedlichen Inhalts. Die Geschwindigkeit mit der sie ihre Notizen niederschreiben ist erstaunlich. Es ist schwer denkbar, dass sie die Texte in derart kurzer Zeit „erfinden“ konnten. Deren Inhalt ist oft viel zu komplex und es bedürfte eines theologischen Wissens, über das beide nicht verfügen.

An diesem Tag ist Don Ciro Vespoli anwesend, der selbst einmal zum Kreis gehörte. Er überfliegt kurz die Textnotizen und reicht sie den beiden Frauen zurück. Angela und Simona lesen ihre Niederschrift der Botschaft laut vor. Es herrscht absolute Stille in der Menge. Wenige Tage später werden die Texte im Internet veröffentlicht werden. Langsam löst sich die Veranstaltung auf. Einige Menschen teilen Angela und Simona ihre Gebetsanliegen mit, die diese geduldig anhören. Es ist inzwischen Mitternacht geworden. Ein kühler Wind weht durch den Wald von Zaro. Fast lautlos verschwinden die Menschen im Dunkel der lauen Nacht. Viele von ihnen werden am 26. des Monats wieder zurückkommen, wenn sich zum bald 500. Mal die wundersame Begegnung der beiden Frauen mit der Erscheinung im Wald von Zaro wiederholt.